Abschlussfeier des Schulprojekts Klimawandel

Am 14. Juni 2019 fand am Deutschen Klimarechenzentrum die Abschlussfeier des Schulprojekts Klimawandel statt.

Abschlussfeier des Schulprojekts Klimawandel

Das 2005 gestartete Schulprojekt Klimawandel ist eine Kooperation zwischen Instituten der Klimaforschung in Hamburg und zwölf Schulen in  Hamburg und Schleswig-Holstein. In fast 15 Jahren wurden Schülerinnen und Schüler mit den Methoden der Klimawissenschaft vertraut gemacht und haben eigenständig zahlreiche Themen zum Klimawandel und seinen Folgen erarbeitet. Leider konnte für die aus Altersgründen ausscheidende Projektleitung keine Nachfolge finanziert werden. Nicht nur während des Vortragsprogrammes - auch während der Gespräche beim anschließenden Ausklang mit Snacks und Getränken waren sich alle Veranstaltungsteilnehmer einig, dass eine Fortführung eines derartig erfolgreichen Projektes mehr als wünschenswert ist und diskutierten verschiedene Ideen, um dies zu ermöglichen.

 Begrüßung
Begrüßung der Zuhörerinnen und Zuhörer durch Prof. Thomas Ludwig und Dr. Dieter Kasang

vergrößern Prof. Claußen (Bild: Michael Böttinger) Zu Beginn der Veranstaltung begrüßten Prof. Thomas Ludwig, Geschäftsführer des DKRZ, und Dr. Dieter Kasang, einer der beiden Projektleiter, die ca. 40 anwesenden Gäste von den beteiligten Schulen, der Schulbehörde, aus der Wissenschaft sowie frühere und gegenwärtige Mitarbeiter, Förderer und Unterstützer des Projekts.  Anschließend richtete Prof. Martin Claußen, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, Grußworte an die Zuhörer, in denen er die grundsätzliche Bedeutung der Verbindung von Wissenschaft und Bildung hervorhob. Diese sei nicht nur ein Thema an der Universität, sondern auch durch die Schulen des Klimaprojekts in besonderer Weise realisiert worden.

vergrößern Dr. Kasang (Bild: Hans Luthardt) Dieter Kasang stellte daraufhin das Projekt selbst vor. Er betonte den Bedarf nach einem solchen Projekt gerade angesichts der aktuellen Fridays-for-Future-Bewegung und gab zunächst einen Rückblick auf die Aktivitäten des Klimaprojekts. Nach einer fünfjährigen Förderung durch die Robert-Bosch-Stiftung konnte die Finanzierung des Projekts danach durch ein Preisgeld des Wettbewerbs „Schule trifft Wissenschaft“, die Stiftungen der Sparkasse Holstein, das Klima-Exzellenzcluster CliSAP, das Max-Planck-Institut für Meteorologie und andere Einrichtungen gesichert werden. Eine besondere Rolle spielte dabei das Deutsche Klimarechenzentrum, an dem das Projekt die meiste Zeit angesiedelt war und dessen Infrastruktur und personelle Unterstützung es in hervorragender Weise nutzen konnte. Durch seine innovativen Methoden war das Klimaprojekt auch deutschlandweit gefragt, so bei der „Stadt der jungen Forscher“ in Würzburg, einem NaT1-Working-Symposium in Kassel, einer Tagung des Deutschen und Hessischen Geographentags in Tübingen bzw. Frankfurt a.M., einer Veranstaltung des Schülerforschungszentrums in Kassel, bei verschiedenen OER2-Veranstaltungen in Deutschland sowie bei Lehrerfortbildungen in Hamburg und Schleswig-Holstein. Die neuen Lernformen bestanden zum einen in der Nutzung von Klimamodelldaten, die von studentischen MitarbeiterInnen des Projekts soweit aufgearbeitet wurden, dass sie auch von SchülerInnen visualisiert und ausgewertet werden konnten. Zum anderen wurde von dem Projektteam ein für Studierende an der Universität in Melbourne entwickeltes Klimamodell soweit vereinfacht, dass damit auch Schülerinnen und Schüler Experimente durchführen konnten. Anders als die meisten vergleichbaren Projekte in Deutschland hat sich das Schulprojekt Klimawandel nicht auf punktuelle Begegnungen zwischen Wissenschaft und Schule bei Laborbesuchen und Vorträgen beschränkt, sondern hat langfristige Unterrichtsprozesse unterstützt, die sich über ein halbes Jahr oder länger erstreckten. Auf dieser Grundlage sind zahlreiche Schülerarbeiten entstanden, die z.T. nicht nur auf der Projekthomepage erschienen und auf Veranstaltungen an der Uni Hamburg präsentiert wurden, sondern auch verschiedene Preise bei Jugend-forscht-Wettbewerben erhielten.

vergrößern Prof. Latif (Bild: Michael Böttinger) Der in der deutschen Öffentlichkeit wohl bekannteste Klimaforscher, Prof. Mojib Latif vom GEOMAR in Kiel, referierte anschließend über das Thema „Klimaforschung und Gesellschaft“. Auch er begrüßte die Fridays-for-Future-Bewegung der jungen Schülerinnen und Schüler als Zeichen dafür, dass das Thema Klimawandel in der Gesellschaft angekommen ist. Dabei sei schon seit dem Bericht des Club of Rome von 1972 deutlich geworden, dass die Menschen die Erde übernutzten und die Grenzen des Wachstums erreicht seien. Die menschliche Gesellschaft hat es nach Latif immer mehr mit „systemischen Risiken“ in einer zunehmend beschleunigten und unübersichtlicher werdenden Entwicklung zu tun. Dabei können Risikoquellen, die vorher nicht wahrgenommen wurden, ungeahnte Probleme hervorrufen. Das Kohlendioxid ist ein Beispiel dafür. Der Mensch besitzt keinen Sinn für die Wahrnehmung von Kohlendioxid in der Atmosphäre, weshalb seine Problematik nur wissenschaftlich erfasst werden kann. Das leistete bereits vor mehr als hundert Jahren der schwedische Forscher Svante Arrhenius, der als erster aus dem Anstieg der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre eine globale Erwärmung ableitete. Dieser Zusammenhang ist sowohl bei natürlichen Prozessen in der Erdgeschichte sowie bei der Verbindung zwischen menschlichen CO2-Emissionen und globaler Erwärmung in der jüngeren Forschung bestätigt worden. In der politischen Öffentlichkeit versuchen zwar Vertreter des ‚Postfaktischen‘, solche Erkenntnisse zu negieren. Das ändert aber nichts daran, dass die Menschheit vor gewaltigen, selbst geschaffenen Problemen steht, die nur mit einer neuen Art zu denken lösbar sind.

                                          Welche Welt wollen Wir?

Änderung der globalen Mitteltemperatur bis 2100
Simulationen der Änderung der globalen Mitteltemperatur nach zwei verschiedenen Szenarien des Weltklimarates IPCC (Vortrag M. Latif)3

vergrößern Angelika Knies (Bild: Michael Böttinger) Die besondere Bedeutung, die das Schulprojekt Klimawandel für die Schulentwicklung besaß, betonte Angelika Knies, langjährige Schulleitern der Anne-Frank-Schule in Bargteheide, in ihrem Beitrag. Für sie war das Klimaprojekt eines der „Highlights“ in ihrer 28jährigen Schulleitungstätigkeit und hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Schule 2013 Hauptpreisträger des Deutschen Schulpreises wurde. Frau Knies hob hervor, dass die Projektarbeit, nicht zuletzt durch die Auswertung von Klimamodelldaten und den persönlichen Kontakt zu ‚echten‘ Forschern, sich durch ihren wissenschaftspropädeutischen Charakter auszeichnete und ihre Schülerinnen und Schüler hervorragend auf ein späteres Universitätsstudium oder eine Ausbildung vorbereitete. „Wissenschaft und Schule sind hier wirklich verzahnt worden“ bemerkte Frau Knies in ihren Ausführungen und forderte dazu auf, die Fortführung des Schulprojekts Klimawandel am Wissenschaftsstandort Hamburg sicherzustellen.

Interessierte Zuhörerschaft
Die Veranstaltung wurde von einer interessierten Zuhörerschaft verfolgt.

vergrößern Reiner Sievers (Bild: Michael Böttinger) Auch Reiner Sievers, Oberstufenkoordinator an der Stadtteilschule Bergstedt und von Beginn an dem Projekt beteiligt, stellte die besondere Bedeutung des Klimaprojekts für die Lernentwicklung seiner Schülerinnen und Schüler heraus. Er stellte seinem Vortrag ein 2500 Jahre altes Konfuzius-Zitat voran: „Sage es mir, und ich werde es vergessen. Zeige es mir, und ich werde es vielleicht behalten. Lass es mich tun, und ich werde es können.“ Auf diesem Hintergrund machte Herr Sievers den Unterschied zwischen der Belehrung durch Lehrbuchtexte und dem im Rahmen des Schulprojekts Klimawandel möglich gewordenen eigenen forschenden Handeln im Unterricht deutlich. So ging es nach Herrn Sievers einigen seiner Schülerinnen und Schüler darum, Fragen aus ihrem eigenen Alltag nachzugehen, z.B. warum auf dem Markt so viele neue Apfelsorten angeboten werden. Sie entdeckten durch Gespräche mit Bauern im Alten Land, dass sich Blüte, Fruchtansatz, Reife und Schädlingsbefall von Äpfeln durch höhere Temperaturen verändert haben. Die im Klimaprojekt verfügbaren Daten ermöglichten es ihnen, Szenarien für die Zukunft des Apfelanbaus im Alten Land aufzuzeigen. Daraus entstand eine erfolgreiche Jugend-forscht-Arbeit. Das Schulprojekt Klimawandel, so Sievers, habe den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit eröffnet, neues Wissen aktiv selber zu erarbeiten und ihre eigenen Kompetenzen zu entwickeln.

Konzeption einer Schülerarbeit
Entwicklung der Konzeption einer Schülerarbeit aus dem Kurs von Reiner Sievers (Vortrag R. Sievers)

vergrößern Sebastian Bathiany (Bild: Michael Böttinger) Dass im Internet und in der politischen Öffentlichkeit der Klimawandel durch den Menschen immer noch erfolgreich geleugnet wird, hängt nicht nur mit privaten und politischen Interessen zusammen, sondern auch damit, dass das Thema hoch komplex ist und ein viele Menschen überforderndes Verstehen naturwissenschaftlicher Zusammenhänge verlangt. Dass man das Thema aber auch unterhaltsam vermitteln kann, zeigte Dr. Sebastian Bathiany, früherer studentischer Mitarbeiter des Projekts und heute Wissenschaftler am Climate Service Center Germany, der selber als Science-Slammer und auf vielen anderen Feldern des Klima-Entertainment aktiv ist. Hr. Bathiany plädierte dafür, Klimaveränderungen in der Lebenswelt der Menschen zu verankert und dabei möglichst alle Sinne des Menschen anzusprechen. So könnten Farbspektren vom kühlen Blau bis zum warmen Rot auch in die Modewelt Eingang finden. Oder man könnte die zunehmende Temperatur der Zukunft statt durch Kurven auch musikalisch durch immer höhere, für das menschliche Ohr fast unerträgliche Töne darstellen. Ein breites Feld sei heute schon die Darstellung klimatischer Phänomene in der Kunst oder in der Literatur, z.B. als Haiku-Gedichte oder in Kinderbüchern. Ebenso ist der Klimawandel ein häufiges Thema bei Science Slams in ganz Deutschland, bei denen Hr. Bathiany selber öfter aufgetreten ist. Für Jugendliche besonders attraktiv sind Spiele, vom Karten- bis zum Computerspiel, bei denen es um Veränderungen des Klimas geht. Hr. Bathiany ist aktuell dabei, eine App zu entwickeln, mit der man sein Traumklima für den Urlaub mit einer klimaverträglichen Anreise finden kann.
Spiel zur klimafreundlichen Urlaubswahl
Beispiel aus einer von Sebastian Bathiany mitentwickelten App für eine klimafreundliche Urlaubswahl (Vortrag S. Bathiany)

vergrößern Prof. Sprenger (Bild: Michael Böttinger) Prof. Sandra Sprenger, Leiterin des Arbeitsbereichs Geographiedidaktik an der Uni Hamburg, befasste sich in ihrem Vortrag mit Vorstellungen und Konzepten von Schülerinnen und Schülern über den Klimawandel und deren Veränderung durch die Mitarbeit im Schulprojekt Klimawandel. Dabei stützte sie sich auch auf Ergebnisse von Untersuchungen über die Wirkung des Projekts auf die beteiligten Schüler durch ihre Doktorandin Mareike Schauß. Fr. Sprenger betonte, dass Schüler bereits Präkonzepte besäßen, bevor sie sich mit dem Thema im Unterricht beschäftigten. So sei die Vorstellung, dass mehr Sonnenstrahlung durch das Ozonloch in die Atmosphäre gelangen würde und dadurch der Klimawandel entstehe, weit verbreitet. Auch unterscheiden nach Frau Sprenger Schüler häufig nicht zwischen Wetter und Klima und lesen aus Wetterphänomenen den Klimawandel ab. Nach der Mitarbeit im Schulprojekt Klimawandel ist die Bedeutung der Wissenschaft für das Erlangen  eigener Erkenntnisse im Bewusstsein der Schüler deutlich gestiegen. So werden besonders die Verlässlichkeit der Quellen und die eigene Arbeit mit wissenschaftlichen Daten hoch eingeschätzt, aber auch die Unabgeschlossenheit wissenschaftlicher Erkenntnisse erfasst. Eine auffällige Verstärkung durch die Mitarbeit im Klimaprojekt und den Kontakt mit Wissenschaftlern erfuhr das Interesse an einem Studiengang im naturwissenschaftlichen Bereich.

Als Beispiel für eine gelungene Arbeit im Rahmen des Schulprojekts Klimawandel stellten die beiden Schülerinnen Lucile Raddatz und Hannah Ohlmeyer vom Gymnasium Osterbek ihre Untersuchung zur „Ozeandüngung“ als eine Maßnahme des Climate Engineering vor. Sie ließen sich dabei von der Frage leiten, inwiefern die Ozeandüngung eine geeignete Methode sei, den Kohlenstoffgehalt der Atmosphäre zu senken. Nach einer Übersicht über die verschiedenen Möglichkeiten des Climate Engineering und den Kohlenstoffkreislauf erläuterten die Schülerinnen das Konzept der Ozeandüngung. Dabei wird die CO2-Aufnahme des Ozeans dadurch erhöht, dass durch eine künstliche Eisenzufuhr das Algenwachstum angeregt wird.  Anschließend stellten Lucile Raddatz und Hannah Ohlmeyer das vom Alfred-Wegener-Institut durchgeführte Experiment zur Eisendüngung im Südatlantik vor. Das Experiment war, was die zusätzliche Aufnahme von CO2 durch den Ozean betrifft, nur wenig erfolgreich. Es wurde außerdem wegen der ökologischen Risiken in den Medien erheblich kritisiert. Die Schülerinnen betonten zudem die seerechtlichen Probleme des Vorgehens und sahen abschließend in der Ozeandüngung keine sinnvolle Alternative zur Reduktion der Emissionen von Kohlendioxid.

Ausgewählte Verfahren des Climate Engineering
Ausgewählte Verfahren des Climate Engineering im Überblick4 (Vortrag L. Raddatz und H. Ohlmeyer)

vergrößern Dr. Hans Luthardt (Bild: Michael Böttinger) Zum Schluss gab Dr. Hans Luthardt einen Ausblick auf verbleibende Aufgaben des Projektteams. Er betonte, dass dafür gesorgt werden müsse, dass die während der Projektarbeit in 15 Jahren erstellten Materialien für Schüler und Lehrer der ehemaligen Projektschulen, aber auch für Nutzer darüber hinaus, auch weiterhin genutzt werden können. Die Materialien befinden sich größtenteils auf dem Hamburger Bildungsserver. Dabei geht es, so Hr. Luthardt, einmal um die Klimamodelldaten, die aus professionellen Daten für die Arbeit an Schulen aufbereitet wurden und aus denen Schülerinnen und Schüler anschauliche Karten zum Klimawandel visualisieren können. Diese Daten sollen durch verbesserte Nutzeranleitungen, z.B. Videos, auch für die Anwendung durch breitere Kreise zugänglich gemacht werden. Außerdem wird das Angebot von Beobachtungsdaten ausgebaut und durch Anleitungen deren Visualisierung ermöglicht. Eine ausführliche Videoanleitung ist außerdem für die Durchführung von Experimenten mit dem einfachen Klimamodell MSCM (Monash Simple Climate Model) geplant. Und weiter ausgebaut werden soll auch das Angebot von lizenzfreien Bildern zum Klimawandel auf dem Klimawiki des Deutschen Bildungsservers, das Lehrern und Schülern eine Wiederveröffentlichung ermöglicht, z.B. auf der Projekt- oder einer Schulhomepage. Die aktuellen Bedingungen erlauben es, bis September 2019 Lehrerinnen und Lehrer in der Anwendung dieser Materialien zu schulen.

Materialangebot des Schulprojekts Klimawandel auf dem HBS
Die Klimaseiten des Hamburger Bildungsservers mit dem Materialangebot des Schulprojekts Klimawandel (Vortrag H. Luthardt)

Nach den Vorträgen lud das DKRZ zu einem Buffet und individuellen Gesprächen bei strahlendem Sonnenschein im Garten des DKRZ ein. Es gab sehr viele positive Rückmeldungen, vor allem von den anwesenden Lehrerinnen und Lehrern, die sich trotz der nun schwierigeren Situation durch die Veranstaltung noch einmal stark motiviert fühlten, mit ihren Schülern an dem Thema weiterzuarbeiten.

Danksagung
Danksagung des Projektteams an alle Unterstützer

Programm der Abschlussfeier
Beitrag zur Abschlussfeier auf der DKRZ-Homepage

Anmerkungen:
1. NaT steht für Naturwissenschaft@Technik, ein Förderungsprogramm der Robert-Bosch-Stiftung
2. OER steht für Open Educational Resources (Offene Bildungsmaterialien)
3. DKRZ: 2m-Temperatur, Lizenz: CC BY-NC-SA
4. Kiel-Earth-Institute Climate Engineering, Lizenz: CC BY-NC-ND

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