Gletscher im Himalaya

In der Himalaya-Region, zu der häufig auch der Karakorum gezählt wird, befinden sich die größten Gletscher der Erde außerhalb der Polarregionen. Viele der großen Flüsse Süd- und Südostasiens wie Indus, Ganges und Brahmaputra, die Wasser für fast eine Milliarde Menschen liefern, entspringen hier, weshalb das Gebirgsmassiv auch als "Wasserschloss Asiens" bezeichnet wird.

Gletscher im Himalaya

Die Gletscher

Gletscherlandschaft in Tibet


Abb. 1: Gletscherlandschaft im Himalaya: Midui-Gletscher in Tibet mit schuttbedeckter Gletscherzunge, die in einen Gletschersee mündet.6

Die meisten Gletscher der Region liegen in etwa 5000 m Höhe und sind daher meistens nur schwer zugänglich.1 Sie konnten daher auch erst in den letzten 10-15 Jahren durch Satelliten kartiert werden, die aber auch nicht immer zuverlässige Daten liefern. Insgesamt beträgt die Anzahl der Gletscher im Karakorum und Himalaya nach unsicheren Schätzungen ca. 28 000 (in der Mehrzahl sehr kleine Gletscher), die eine Fläche von rund 44 000 km2 einnehmen. Dabei befinden sich die meisten Gletscher im westlichen Himalaya. Die größte Gletscherfläche liegt jedoch im Karakorum, weil hier die Gletscher im Mittel eine größere Ausdehnung besitzen (s. Abb. 1).1 Die sehr kleinen Gletscher machen mehr als 70 % aller Gletscher aus, während die größten 3 % der Gletscher mehr als 50 % der Fläche einnehmen. Von den großen Flüssen wird vor allem der Indus von zahlreichen Gletschern (ca. 18 500) gespeist,  die eine vergletscherte Fläche von 21 200 km² umfassen.2

Gletschergebiete im Karakorum und Himalaya


Abb. 2: Gletschergebiete im Karakorum sowie im West-, Zentral- und Ost-Himalaya. Die unterschiedlichen Farben verweisen auf verschiedene Quellen. Einzelne große Gletscher sind benannt (von West nach Ost): Bia=Biafo, Yin=Yinsugaiti, Bal= Baltoro, Sia=Siachen, Miy=Miyar, BaS=Bara Shigri, Gan=Gangotri, Ngo=Ngozumpa, Zem=Zemu7

Gletscheränderungen

Wegen fehlender Daten lassen sich keine Aussagen über eine langfristige Flächenänderung der gesamten Region machen. Nur für wenige einzelne Gletscher gibt es Messungen, die einige Jahrzehnte zurückreichen. So zeigen im indischen Himalaya die beobachteten Gletscher einen Rückgang der Länge seit dem 19. Jahrhundert. Im Karakorum ist dagegen das Bild nicht einheitlich: Im Allgemeinen zeigen hier die Gletscher ebenfalls eine Längenabnahme über das 20. Jahrhundert, während der letzten 40-50 Jahre jedoch in manchen Fällen auch eine Zunahme. Bei einzelnen Gletschern wurden auch kurzzeitige schnelle Vorstöße beobachtet. Das unterschiedliche Verhalten bei einzelnen Gletschern geht teilweise auf die Schuttbedeckung der Gletscher zurück. Schon eine Schuttauflage von wenigen Zentimetern und mehr isoliert das Eis darunter und verringert die Eisschmelze.2

Veränderung der Höhe der Gletscheroberfläche zwischen 2003 und 2008


Abb. 3: Veränderung der Höhe der Gletscheroberfläche zwischen 2003 und 2008 nach Satellitenmessungen. Gelbe und rote Kreise bedeuten eine Höhenabnahme, blaue eine Zunahme. Die gelben Linien markieren die Einzugsgebiete großer Flüsse. Die schwarzen durchgezogenen und gestrichelten Linien markieren benannte Gletschergebiete (Hindu Kush, Spiti Lahaul etc.).8

Noch schwierige ist es, in den schwer zugänglichen asiatischen Hochgebirgen die Änderungen der Gletschermasse festzustellen. Massenbilanzmessungen vor Ort gibt es für nur ganz wenige Gletscher und für nur ca. 10 Jahre. Die beobachteten Gletscher im westlichen Himalaya und in Nepal zeigen dabei durchweg Massenverluste. Neuere Methoden stützen sich auf Messungen der Höhendifferenz der Gletscheroberflächen durch Satelliten, die bis zum Jahr 2000 zurückreichen. In dem rund 80 000 km² umfassenden Pamir-Karakorum-Himalaya Gebiet betrug zwischen 2003 und 2008 die jährliche Abnahme der Gletscherhöhe 0,37 m. Dabei wurden die stärksten Abnahmen im Osten mit ca. 1 m/Jahr geschätzt, die geringsten Abnahmen bzw. sogar Zunahmen im Nordwesten des westlichen Teils der Region (Karakorum, W-Kunlun-Shan). Zusammen haben die Gletscher des Indus-, Ganges- und Brahmaputra-Einzugsgebiets im Zeitraum 2003-2008 ca. 23,7 Gt pro Jahr an Masse verloren, was 10 % des gesamten Gletscheranteils am Meeresspiegelanstieg ausmacht.3

Ursachen

Das unterschiedliche Verhalten der Gletscher lässt auf verschiedene Ursachen je nach Region schließen. Die nur gering sich verändernden Gletscher im Westen stehen unter dem Einfluss der Westwinde mit winterlicher Akkumulation. Die geringen Abnahmen bzw. Zunahmen auf der Nordseite des westlichen Gebirgszuges hängen wahrscheinlich mit zunehmenden Niederschlägen zusammen. Allgemein zeigen die Gletscher in den Gebieten, deren Niederschläge durch den Sommermonsun bestimmt sind, also im Süden und Osten, Volumenverluste. So beruht die starke Abnahme im Osten des Himalaya auf langfristige Abnahmen der Niederschläge.

Genauere Untersuchungen zu den Ursachen der Gletscherveränderung gibt es nur sehr wenige. Eine Ausnahme ist der Sagarmatha-Nationalpark (Sagarmatha ist der nepalesische Name für den Mt. Everest) auf der Südseite des Mt. Everest in Nepal, vor allem weil es hier eine Reihe von Wetterstationen in höheren Lagen gibt.

Die Gletscher im Sagarmatha-Nationalpark gehören zum Sommer-Akkumulations-Typ des Himalayas, d.h. sie erhalten ihren Niederschlag von im Jahresmittel 516 mm zu fast 90 % durch den indischen Sommermonsun von Juni bis September. Allerdings kann es auch im Winter zu heftigem Schneefall durch Tropische Zyklonen und Störungen der Westwinddrift kommen.4 Zwischen 1962 und 2011 wurde ein Verlust der vergletscherten Fläche von 13 % bzw. 52,8 km² festgestellt, wobei der Flächenverlust in jüngster Zeit zugenommen hat. Dabei haben die kleineren Gletscher stärker an Fläche verloren als die größeren. Ein Grund dafür kann darin liegen, dass die Akkumulationszone der größeren Gletscher höher gelegen ist als die der kleineren Gletscher. Mit der Flächenabnahme einher ging ein Rückzug der Gletscherzunge von im Mittel 403 m für den gesamten Zeitraum bzw. um 8,2 m jährlich. Außerdem wanderte auch die Schneegrenze um 182 m von 5289 m auf 5471 m nach oben, und zwar besonders stark seit den 1990er Jahren. Die Höhenverschiebung der Schneegrenze ist ein Indikator für den Massenverlust der Gletscher.5

Eine Station in 5035 m Höhe am Mt. Everest zeigt bei den Minimumtemperaturen von 1994 bis 2013 im Jahresmittel einen Anstieg von 1,44 °C über diese 20 Jahre. Die Maximumtemperaturen stiegen dagegen mit 0,18 °C deutlich geringer an als die Minimumtemperaturen, so dass die Mitteltemperatur um 0,88 °C von 1994 bis 2013 zunahm. Die Niederschläge wiesen in den letzten Jahren für alle Monate eine fallende Tendenz auf, und zwar um 13,7 mm jährlich bzw. um 273 mm über 20 Jahre.4

Für die teilweise starke Erwärmung ist einerseits die globale Erwärmung verantwortlich. Es wurde aber auch die Absorption der Solarstrahlung durch Rußablagerungen dafür als Ursache angeführt, die wiederum möglicherweise durch die zunehmende Industrialisierung und offene Feuer in Südasien verursacht worden ist. Die steigende Aerosolbelastung,  vor allem durch Sulfataerosole, in der mittleren Troposphäre über Südasien könnte auch die Ursache  für die abnehmenden Niederschläge sein, weil dadurch der niederschlagsbringende Sommermonsun geschwächt wird.4

Andere Autoren schreiben dem Temperaturanstieg nur einen geringen Einfluss auf die Gletscherschmelze der Region zu. Die Zunahme der Minimumtemperatur überschreite in der großen Höhenlage der Gletscher nicht die 0 °C-Grenze und sei deshalb für die Gletscherschmelze unwirksam. Bei der Maximumtemperatur spielt danach aber auch nur die Erwärmung im April eine relevante Rolle für die Gletscherschmelze, während die Temperaturerhöhung in den Wintermonaten die 0 °C-Isotherme nur geringfügig über die Gletscherfronten hebt und in der Monsunzeit im Sommer die Temperaturen sogar leicht sinken. Die beobachtete Verringerung der Gletschermasse muss daher hauptsächlich auf die sinkenden Niederschläge in den letzten 20 Jahren zurückgeführt werden. Die in den letzten 20 Jahren um 11 % abgenommene Wahrscheinlichkeit von Schneefall hat allerdings auch mit der steigenden Temperatur zu tun.4

Anmerkungen:
1.  H. Frey, H. Machguth, M. Huss, C. Huggel, S. Bajracharya, T. Bolch, A. Kulkarni, A. Linsbauer, N. Salzmann, and M. Stoffel (2014): Estimating the volume of glaciers in the Himalayan–Karakoram region using different methods, The Cryosphere, 8, 2313-2333, doi:10.5194/tc-8-2313-2014
2. Mayer, C. & A. Lambrecht (2015): Die Gletscher der Hindukusch-Himalaya Region. In: Lozán, J. L., H. Grassl, D. Kasang, D. Notz & H. Escher-Vetter (Hrsg.). Warnsignal Klima: Das Eis der Erde. pp. 130-137. Online: www.klima-warnsignale.uni-hamburg.de. doi:10.2312/warnsignal.klima.eis-der-erde.20
3. Kääb, A., Treichler, D., Nuth, C. & Berthier (2015): Brief communication: Contending estimates of 2003-2008 glacier mass balance over the Pamir-Karakoram-Himalaya, The Cryosphere, 9, 557–564, doi:10.5194/tc-9-557-2015
4. Salerno, F., Guyennon, N., Thakuri, S., Viviano, G., Romano, E., Vuillermoz, E., Cristofanelli, P., Stocchi, P., Agrillo, G., Ma, Y., and Tartari, G. (2015): Weak precipitation, warm winters and springs impact glaciers of south slopes of Mt. Everest (central Himalaya) in the last 2 decades (1994–2013), The Cryosphere, 9, 1229-1247, doi:10.5194/tc-9-1229-2015
5. Thakuri, S., Salerno, F., Smiraglia, C., Bolch, T., D’Agata, C., Viviano, G., and Tartari, G. (2014): Tracing glacier changes since the 1960s on the south slope of Mt. Everest (central southern Himalaya) using optical satellite imagery, The Cryosphere, 8, 1297-1315, doi:10.5194/tc-8-1297-2014
6.
Quelle: Wikimedia Commons: Midui-GletscherJan Reurink ; Lizenz: CC BY
7. H. Frey, H. Machguth, M. Huss, C. Huggel, S. Bajracharya, T. Bolch, A. Kulkarni, A. Linsbauer, N. Salzmann, and M. Stoffel (2014): Estimating the volume of glaciers in the Himalayan–Karakoram region using different methods, The Cryosphere, 8, 2313-2333, doi:10.5194/tc-8-2313-2014; Lizenz: CC BY-SA
8. Quelle: Kääb, A., Treichler, D., Nuth, C. & Berthier (2015): Brief communication: Contending estimates of 2003-2008 glacier mass balance over the Pamir-Karakoram-Himalaya, The Cryosphere, 9, 557–564, doi:10.5194/tc-9-557-2015; Lizenz: CC BY-SA

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