Rolfs Schulzeit

ROLF LEVISOHN (11.9.1920 - Mai 1942)

Hamburg Geschichte Jüdische Schüler

Schriftliches Abitur 1939. Es war das letzte Abitur an der Talmud Tora-Schule, der orthodoxen jüdischen Volks- und Oberrealschule in Hamburg. Zwei Schüler waren für die Prüfung gemeldet: Oskar Judelowitz und Rolf Levisohn. Im Fach Deutsch wählte Rolf Levisohn das Thema:

«Unglück selber taugt nicht viel, doch es hat drei gute Kinder: Kraft, Erfahrung, Mitgefühl».

 Erfahrung mit dem Unglück hatte der am 11. September 1920 in Hamburg geborene ehemalige Lichtwarkschüler in seinem kurzen Leben bereits reichlich gehabt: von Geburt an körperbehindert, Jude in einem Staat, in dem die Nationalsozialisten herrschten. Was es hieß, in Deutschland Jude zu sein, hatte er schon mehrfach erlebt: 1935 musste er die Lichtwarkschule, eine berühmte reformpädagogische Oberschule, verlassen; 1938 wurde er für sechs Wochen ins Konzentrationslager Oranienburg Sachsenhausen verschleppt; seit dem 1. Januar 1939 musste er sich Rolf "Israel" Levisohn nennen; der Kriegsbeginn am 1. September 1939 verringerte seine Auswanderungschancen weiter.

In seinem Abituraufsatz brach die eigene Not aus ihm hervor, als er die Verzweiflung vom Unglück betroffener Menschen beschrieb: "Das soll das Leben sein? rufen sie aus. Wozu bin ich geboren? Ich will nicht mehr leben! Warum geschah mir dieses Unglück?". Im Sinne der Themenstellung wies er auf Kräfte, die aus der Heimsuchung sich entwickeln könnten, wenn er später fortfuhr: "Doch dann kommt eine Stunde im Leben eines solchen Menschen, in welcher sich ein starker Kampf in seinem Innern entspannt. Zwei Gewalten kämpfen um den letzten entscheidenden Sieg. Unterliege oder versuche den Kampf aufs Neue, heißt die Parole ( .. ) Alle Kräfte in ihm sammeln sich zu dem einen entscheidenden Kampf Doch wenn er siegreich beendet ist, kommt eine himmlische Ruhe über ihn, und ein Mensch mit tieferen Gedanken und feineren Empfindungen tritt neu in das Leben ein". Auch aus dem folgenden sprach die eigene bittere Erfahrung: "Es gibt aber auch Menschen, denen das Schicksal gleich ein unglückliches Los mit auf den Lebensweg gibt. Ein Los, weiches ihnen fürs Leben aufgestempelt ist, das sie tragen müssen ohne Hoffnung, ohne es einmal abwerfen zu können. "Aber auch so ein Schicksal, meinte er, könne bewältigt werden, wenn der erwähnte Kampf überwunden wird: "... dann fühlt er", hieß es in dem Aufsatz, "in sich eine ungeheure Kraft, das Leben zu meistern, er hat den Schmerz des ewigen Entbehrenmüssens ausgekostet, er weiß auch, dass es Dinge in der Weit gibt die ihm hundertfach das bittere verlorene Glück entschädigen können".

Die Schulkameraden der Lichtwarkschule haben freundliche Erinnerungen an ihn. Hella B. erzählt, dass er ein sehr lebhafter junge gewesen sei, der von allen liebevoll "little boy" genannt wurde. Hans Levy, ebenfalls Klassenkamerad an der Lichtwarkschule, auch Jude, berichtet, dass die ganze Klasse ihn unterstützt und nett behandelt habe, vermutet aber, dass er außerhalb der Schule einsam war.

 Klassenfoto Lichtwarkschule (1932)

Klassenfotos von 1931 und 1932 zeigen den nachdenklich blickenden Elf- bzw. Zwölfjährigen durchaus der Gemeinschaft zugehörig, nicht abseits. Und doch fragten die Klassenkameraden nicht, was aus ihm wird, als er die Schule verließ und auf die Talmud Tora Schule überwechselte.

Über den achtzehnjährigen hieß es am 28. Februar 1939 ­ also Jahre später- in einem Gutachten der Talmud Tora Schule, das anlässlich seiner Reifeprüfung erstellt wurde, u.a.: "Levisohn ist ein geistig beweglicher und vielseitig interessierter Schüler. Seine körperliche Behinderung - Zwergwuchs und verkrüppelte Hände - hat keinen ungünstigen Einfluss auf seine charakterliche Entwicklung gehabt. Er ist anständig, hilfsbereit und freundlich, packt auch bei körperlich anstrengenden Arbeiten kräftig zu (..) Seine schulischen Leistungen entsprechen dem durchschnittlichen Stande eines Schülers der Klasse 8. Deutsche Literatur und Geschichte interessieren ihn besonders. Seine allgemeine menschliche Reife ist nicht zu bezweifeln".

Nicht zu bezweifeln ist auch die wichtige Rolle, die das Elternhaus bei seiner Entwicklung spielte. Die ehemaligen Klassenkameraden, die nicht Nachmittagsfreunde waren, wissen darüber wenig. Aber in einem Brief der Mutter an eine Verwandte in Palästina, geschrieben am 5. Juli 1939, heißt es über den Sohn: "... wenn mein Junge zu Dir kommt, schicke ich Dir das Beste, was es in meinem Leben gab. Er ist so goldig, der Bengel, nicht wie ein Sohn, wie ein Bruder zu mir, und Du sollst sehen, Du wirst Deine helle Freude an ihm haben. Aber wird sich dieser langjährige Traum verwirklichen?"

Klassenfoto Lichtwarkschule

Aus den Schulakten ist zu entnehmen, dass der Vater Bücherrevisor war, als Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg mit dem EK 11 und dem Hanseatenkreuz ausgezeichnet wurde und mit seiner Frau, einer Tochter und dem Sohn Rolf in Barmbek in der Gluckstraße 24 lebte. Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie waren bescheiden; eine Auswanderung war schon deshalb schwierig. Wie sehr der Sohn sie angestrebt hatte, ging aus dem erwähnten Gutachten hervor, in dem es hieß: "Im November 1938 traf ihn das Unglück, bei der behördlichen Sonderaktion verhaftet zu werden. Er kam für sechs Wochen in das Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen. Dieses Erlebnis bedruckte ihn schwer, da in Hamburg sonst fast keine Schüler von diesen Maßnahmen erfasst wurden. Er war seitdem ständig, aber zu seinem großen Leidwesen bisher vergeblich, um baldige Auswanderung bemüht".

Konzentrationslager Oranienburg-Sachsenhausen (1994)

Eine Postkarte Rolfs - kurz nach der Entlassung aus dem KZ Oranienburg-Sachsenhausen nach Palästina geschrieben, zeigt seine Not. Er wollte nur noch raus aus dem Land, in dem er geboren ist und das ihn so quälte "Wir sind beide wieder in Hamburg. Warum schreibt ihr nicht? Ich will so schnell wie möglich weiter (..) Gibt es eine Möglichkeit, zu Euch zu kommen? Als Durchgangsland. Wenn es geht, müsst Ihr alles versuchen. Ich habe von einem ähnlichen Fall gehört. Eventuell bis Juni, wenn die USA nicht vorher Erleichterung schaffen. Helft!!! Grüße Rolf'."

Nach der sogenannten "Reichskristallnacht" war er wie 6.000 andere jüdische "Schutzhäftlinge" aus dem gesamten Reich - in das KZ Sachsenhausen eingeliefert worden. Jacob Minski aus Hamburg, ebenfalls ins KZ Oranienburg-Sachsenhausen verschleppt - er sprach von 10.000 Häftlingen zur Zeit seines Aufenthaltes - wurde später mit demselben Transport wie das Ehepaar Levisohn und Sohn Rolf nach Lodz deportiert. Er überlebte diesen und noch andere Schreckensorte.

zum nächsten Artikel

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Quelle:
Entrechtet ­ Ermordet ­ Vergessen, jüdische Schüler in Hamburg, Begleitmaterialien zur Tonbildschau, Hamburg 1996 (Handreichung der BSJB)