3. Wie kann Schule ethische Orientierung leisten?

Philosophieren mit Kindern - Zur Konzeption des Unterrichts von Ekkehard Martens Hamburg

Gibt es aber eine für alle verbindliche Moral? Durch den Fortschritt der Aufklärung, getreu der kantschen Maxime "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!", scheint das Hinterfragen sämtlicher Autoritäten und Geltungsansprüche so weit vorangeschritten zu sein, dass kaum mehr allgemeinverbindliche Werte gelten und alles zur Diskussion oder beliebigen Verwertung freigegeben ist. Und dies in einer Welt, die durch die Folgeprobleme des wissenschaftlich-technischen Fortschritts für die jetzigen und späteren Generationen immer unsicherer und unübersichtlicher wird. Vordergründig bieten sich in dieser Situation die zwei Extrem-Lösungen eines Dogmatismus und Relativismus an: Einerseits die Flucht in einfache Antworten mit einer eindeutigen Wertehierarchie sowie mit einer eindeutigen Vermittlung und Anwendung, andrerseits die Flucht in die Beliebigkeit von Entscheidungen und Werthaltungen.(1) Gibt es aus diesem Dilemma einen Ausweg? Einen derartigen Ausweg gibt es. Er ist aber weder ohne philosophische Reflexion erkennbar noch ohne sie durchführbar. Damit komme ich zu meiner zweiten These, dass der Ethikunterricht nicht ohne philosophische Reflexion auskommt.

Zweite These:
Der Ethikunterricht kommt nicht ohne philosophische Reflexion aus.

Mit einem prämodernen Ethik-Typ?

Zunächst ist festzuhalten, dass auch eine Gesellschaft und ein Individuum, die sich als aufgeklärt oder säkularisiert verstehen, bei allem Hinterfragen nicht ohne fraglose Voraussetzungen auskommen. So vertritt vor allem der Verfassungsrechtler, Rechtsphilosoph und Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde bereits seit Jahrzehnten die Auffassung: "Der freiheitliche säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann, ohne seine Freiheitlichkeit in Frage zu stellen." Böckenförde geht es, wie er kürzlich wieder bekräftigt hat, um die Frage: "Von welchen Ressourcen leben wir?" (in: Neue Züricher Zeitung vom 20./21. Mai 1995). Wir, das sind die Kinder der Aufklärung. Den Erfolg der Aufklärung sieht Böckenförde in der Trennung von Staat und Kirche, in der freiheitlichen, säkularen Gesellschaft. Damit verbietet sich auch für ihn eine staatlich verordnete, beispielsweise christliche Moral. Dennoch können wir ohne absolut gültige Werte wie die Menschenrechte oder Menschenwürde als gemeinsame Handlungsvoraussetzung nicht leben. Diese aber seien weder von Natur da noch aus der reinen, aufgeklärten Vernunft ableitbar, sondern seien ein Erbe von Tradition und Kultur, bei uns vor allem - auch in ihren säkularen Formen eines allgemeinen Humanismus- ein Erbe der christlichen Religion.

Daraus folgt aber nicht, wie Böckenförde anzunehmen scheint, dass die Begründung und Vermittlung dieser "Grundwerte" nur durch die christliche, in sich keineswegs einheitliche und historisch nicht unproblematische Religion geschehen könne. Die "westlichen" Menschenrechte etwa lassen sich auch in einem Ur-Konfuzianismus wiederfinden,(2) ebenfalls in der freiheitlichen Traditionslinie des Islam.

Mit einem modernen Ethik-Typ?

Vor allem aber muss die vormoderne oder voraufklärerische Ethik durch eine Ethik als offenes und öffentliches Prüfverfahren ergänzt werden, etwa in Form der von Apel oder Habermas vertretenen Diskurs- oder Verfahrensethik. Hinter die Errungenschaft des modernen Rechtsstaates und Aufklärungsdenkens gibt es kein Zurück in die verlorene Unschuld einer (vermeintlich) geschlossenen Vormoderne, es sei denn um den Preis von Unfreiheit. Allerdings verkennt die aufklärungsorientierte Diskursethik, dass auch sie nicht nur wertneutrale Verfahrensregeln moralischer Entscheidungen bereitstellt, sondern auch moralische Inhalte oder Grundorientierungen voraussetzt, die sie nicht selber begründen kann. Zwar lassen sich einem diskursiven oder verständigungsorientierten Reden implizite Verfahrensregeln oder Normen wie Gewaltverzicht, Klarheit,Ehrlichkeit und wechselseitiger Respekt entnehmen, nicht aber die Forderung, dass wir uns überhaupt verständigungsorientiert und eben nicht instrumentell oder manipulativ verhalten sollen. Die inhaltliche Interpretation und Anwendung der Grundwerte im einzelnen ist zwar Sache des modernen, aufklärungsorientierten Diskurses, ihre absolute Forderung aber geht ihm als vormodernes, präreflexives Fundament voraus.

Mit einem postmodernen Ethik-Typ?

Beide Ethik-Typen schließlich, der vormoderne und der moderne, reichen auch zusammen nicht aus. Beide verkennen vielmehr bei ihrer notwendigen Betonung der Allgemeingültigkeit oder Universalität moralischer Entscheidungen, sei es des inhaltlichen Allgemeinen (so Böckenförde) oder sei es des verfahrensmäßigen Allgemeinen (so Apel/ Habermas), die prinzipielle Offenheit und Sensibilität moralischer Entscheidungen im konkreten Einzelfall. In der Betonung der offenen Einzelentscheidung liegt die Stärke der jüngst von Zygmunt Bauman entworfenen "Postmodernen Ethik" (1995), ihre Schwäche dagegen liegt darin, dass sie jede inhaltliche oder verfahrensmäßige Allgemeingültigkeit als bloßes Herrschaftsinstrument diffamiert und die Vielheit oder Differenziertheit als Wert an sich verabsolutiert. Der von Bauman unterstellte "amoralische Impuls" jedes Einzelnen reicht nicht aus, sondern muss inhaltlich jeweils begründet werden.

Der vormoderne, moderne und postmoderne Ethik-Typ haben also, um die philosophische Reflexion über Ethik zusammenzufassen, ihre partielle Berechtigung, sind aber jeweils für sich genommen reduktionistische Varianten einer Drittel-Ethik. Erst in ihrer Gesamtheit oder "Aufhebung" sind sie akzeptabel, als Schnittpunkt-Ethik von Vormoderne, Moderne und Postmoderne. Jede ethische Beurteilung und Entscheidung setzt notwendigerweise ein prämodernes Fundament absoluter Werte voraus, die in ihrer jeweiligen Anwendung im modernen Diskursverfahren zu interpretieren sind und in postmoderner Sensibilität und Differenziertheit die letztlich nicht regulierbare Verantwortung des Einzelnen verlangen. Erst in der Spannung ihrer dreiunverzichtbaren Momente und in der wechselseitigen Kritik ihrer jeweiligen Drittel-Reduktionismen kann eine Schnittpunkt-Ethik die prämoderne Versuchung der totalen Geschlossenheit, die moderne Versuchung der totalen Regulierbarkeit und die postmoderne Versuchung der totalen Offenheit überwinden. Oder positiv gewendet: sie ist der gesuchte Ausweg aus dem Dilemma von Dogmatismus und Relativismus: Als Sicherung der gemeinsamen Wertgrundlagen,als Sicherung des überprüfbaren Verfahrens und als Sicherung der Freiheit jedes einzelnen.

Um eine derartig komplexe, in sich spannungsreiche "Schnittpunkt-Ethik" jedoch zu praktizieren, ist, so meine dritte These, Philosophie oder Philosophieren als elementare Kulturtechnik (im Sinne von Kunstfertigkeit) unverzichtbar, und zwar als Philosophieren über unsere immer schon bewusste oder unbewusste Philosophie, mit der wir uns und unser Verhältnis zu "Gott und der Welt" deuten und bewerten.

Dritte These:
Philosophie oder Philosophieren als elementare Kulturtechnik (im Sinne von Kunstfertigkeit) ist unverzichtbar, und zwar als Philosophieren über unsere immer schon bewusste oder unbewusste Philosophie, mit der wir uns und unser Verhältnis zu "Gott und der Welt" deuten und bewerten.


Die Unmittelbarkeit eines Zugangs zu "der" Wirklichkeit ist dagegen eine Selbsttäuschung - wir leben notwendigerweise in einer vermittelten, interpretierten und bewerteten Welt, die zunehmend Fragen aufwirft. Dabei sind wir allerdings mit einer unvermeidbaren Alternative konfrontiert. Wir können entweder unsere (nicht immer bewussten) Interpretationen ihrerseits interpretieren und uns reflexiv, aufgeklärt zu unserem Verhalten verhalten.  Oder wir können uns statt reflexiv auch reflexhaft verhalten. Das heißt, jeder lebt zwar in einer vagen, unreflektierten Philosophie als unvermeidbarer Interpretations- oder Symbolwelt, aber nicht jeder philosophiert.

Anmerkungen

 1. Vgl. Ekkehard Martens, Zwischen Gut und Böse. Elementare Fragen angewandter Philosophie. Stuttgart 1997. 

 2. Vgl. Heiner Roetz, Konfuzius. München 1995.