4. Warum sollten wir - und sogar Kinder - philosophieren?

Philosophieren mit Kindern - Zur Konzeption des Unterrichts von Ekkehard Martens Hamburg

Die Antwort ist zunächst bereits durch das Faktum unserer modernen Kultur als Reflexionskultur vorgegeben.(3)  Zumindest dem Anspruch nach leben wir in einem "Zeitalter der Aufklärung", wenn auch nicht in einem "aufgeklärten Zeitalter" (Kant). Geltungsansprüche jeder Art stehen prinzipiell unter dem Gebot des "Rechenschaftgebens", und soweit möglich auch gegenüber und von Kindern. Gerade der Prozess der Aufklärung als schrankenloses Hinterfragen sämtlicher Geltungsansprüche aber macht, wie wir anfangs sahen, einen großen Teil unserer gegenwärtig zunehmend beklagten Verunsicherung aus. Sollten wir daher nicht besser ganz auf das Selbstdenken oder das Philosophieren verzichten, statt damit auch noch - wie der "Jugendverderber" Sokrates - die Kinder und Jugend zu verderben? Reflexion, so ist einer derartigen Philosophie-Skepsis zuzugeben, ist zwar nicht alles, aber ohne Reflexion ist alles nichts oder nichts als ein dumpfes Gefühl aus dem Bauch, Manipulation durch fremde Köpfe oder blindes Agieren. Philosophische Reflexion dagegen ist Ausdruck und Erfahrung von Freiheit. Zum Gebrauch seiner Freiheit als Bereicherung des eigenen Lebens kann zwar niemand gezwungen werden, sie lässt sich aber ebenso wenig für einen auserwählten Kreis von Menschen reservieren und auch Kindern und Jugendlichen nicht vorenthalten.
Zumindest in ihrem Selbstanspruch jedenfalls will sich unsere Gesellschaft und die Schule in ihr aufgeklärt und autonom orientieren. Man braucht nur die allgemeinen Erziehungsziele, Richtlinien oder Unterrichtsfächer eines beliebigen Faches einer beliebigen Klassenstufe durchzumustern, um immer wieder auf dieselben Formulierungen zu stoßen, etwa "mündiger, demokratie- und kommunikationsfähiger Schüler", "Verantwortungsfähigkeit" (für die eigene und gesellschaftliche Lebensgestaltung, für die zukünftigen Generationen, für die Natur etc.), "Reflexionsfähigkeit" (erkenntnistheoretische, anthropologische und normative Voraussetzungen des jeweiligen Fachwissens erkennen), "Urteilsfähigkeit" oder schließlich - auch aus handfesten pragmatischen Gründen einer Bewältigung komplexer, neuer und unübersichtlicher Situationen- "Grund- und Schlüsselqualifikationen" wie Kooperationsfähigkeit, Flexibilität oder vernetztes Denken. Die Schule versteht sich aus unterschiedlichen Gründen als Schule der Aufklärung. Sie ist aber keine aufgeklärte Schule, weil sie ohne Schulung der Aufklärung bleibt. Weder wird in den Lehrplänen und Unterrichtsfächern für die grundsätzlich geforderte Aufklärungsarbeit ein konkreter Rahmen vorgesehen noch werden die Lehrer in ihrer Ausbildung mit der notwendigen Kompetenz ausgestattet. Wenn man sich selbst aber wirklich freiheitlich-aufgeklärt orientieren will, muss man - neben allen sonstigen schulorganisatorisch und gesamtpädagogisch notwendigen Maßnahmen - die philosophieverdächtigen Leerformeln der Lehrpläne Stück für Stück mit Leben füllen. Nicht das Philosophieren, sondern das Herumphilosophieren ist das Problem. Notwendig wäre daher eine Schulung der Aufklärung, und diese kann nicht ohne Philosophie geschehen, insofern man sie als elementare Technik oder als handwerklich lehr-lernbares und einübbares Wissen und Können der Kultur der Aufklärung in einem unverkürzten Sinne nutzt (unabhängig davon, was sie sonst noch sein könnte oder sollte) und in entsprechende Unterrichtspraktiken umsetzt. Erst dann gewinnt die berechtigte Forderung Hartmut von Hentigs an konkretem Inhalt: "Die Schule muss selber 'philosophisch', ich könnte auch sagen 'sokratisch' werden."(4)

Anmerkungen

3. Vgl. Anthony Giddens, Jenseits von Links und Rechts. Frankfurt/M. 1997.

4. Hartmut von Hentig, Die Schule neu denken. München 1993, S. 92. Zum mehrdeutigen Begriff "sokratisch" siehe Verf., Die Sache des Sokrates. Stuttgart 1992.