5. Um welche Philosophie soll es gehen?

Philosophieren mit Kindern - Zur Konzeption des Unterrichts von Ekkehard Martens Hamburg

Regulative Idee:
Leben humaner gestalten können.

Begriffs-Bildung

Philosophie in einer "sokratischen" Schule bedeutet genauer viererlei: Philosophie als Begriffs-Bildung, als Dialog-Handeln, als Deutungs-Prozess und Urteils-Bildung. Begriffe bilden können, so erstens, meint nicht etwa, die "richtigen" Begriffe bilden, etwa von Menschenwürde, von Tapferkeit oder vom Weltanfang, sondern die Schlüsselbegriffe unserer Wissensansprüche, unserer praktischen Entscheidungen, unserer Hoffnungen und Selbstdeutungen (die vier Kant-Fragen) in ihrer jeweiligen Verwendung überhaupt erst als solche herauszuarbeiten, in ihren möglichen Verkürzungen erkennen und in angemessenerer Weise verwenden. Eine so verstandene offene Begriffs-Bildung (die auch informelle Logik mit enthält) ist zugleich eine Selbst-Bildung von Personen, die ein freieres Verhältnis zu ihrer eigenen Symbolwelt gewinnen und dadurch Leben humaner gestalten können.

Dialog-Handeln

Im Prozess der Begriffs-Bildung, so zweitens, sind in einem inneren Dialog auch die Auffassungen anderer vertreten,indem man übernommene Begriffsschattierungen aufgreift, kritisiert und akzeptiert. Begriffs-Bildung ist somit nicht monologisch, sondern dialogisch verfasst. Sie ist außerdem ein Handeln als Vollzug von Sprechakten wie Sich-Fragen, Bezweifeln oder Anerkennen. Begriffs-Bildung ist daher zugleich ein diskursives und affektives Dialog-Handeln. Das Dialog-Handeln des einzelnen gewinnt ferner durch den konkreten Austausch mit anderen Subjekten an Reibung und Bereicherung, etwa in der allmählichen Bildung einer Dialoghaltung in der Schulklasse, indem die Schüler zunehmend lernen oder üben, aufeinander einzugehen, wechselseitige Andersheiten zu tolerieren, gemeinsame Interpretationen durchzuspielen und die eigenen Vorstellungen zu klären. Philosophie als Kulturtechnik ist daher kein neutrales, automatisch und beliebig einsetzbares Verfügungswissen nach Art der antiken sophistischen Logik und Rhetorik, sondern an Freiheit gebundene individuelle und gemeinsame Praxis. Ein entsprechender Unterricht würde nicht nur informieren, sondern auch bilden.

Deutungs-Kompetenz

Begriffs-Bildung und Dialog-Handeln, so schließlich drittens, kommen allerdings beide nicht ohne Wissen und Können inhaltlicher Deutungsvielfalt aus. Wenn wir uns beispielsweise darüber verständigen wollen und müssen, was uns in einem extremen Konfliktfall Leben wert ist (ob wir z.B. eher unser Hunde-Baby als ein fremdes Menschen-Baby retten sollen), reicht keine analytisch-argumentative Begriffsmethode und kein eingespieltes Dialogverhalten aus, sondern wir brauchen eine inhaltliche, auch aus präreflexiven, religiösen oder vormodernen Quellen gespeiste Deutungs-Kompetenz unterschiedlicher Standpunkte. So lässt sich "Leben" oder "Person" naturalistisch-materialistisch, christlich oder humanistisch verstehen,als absoluter Selbstzweck oder als bloßes Mittel zum Zweck, ferner als Zwitterexistenz von Tier und Computer. Erst die belehrte und eingeübte Deutungs-Kompetenz ermöglicht ein wechselseitiges Erkennen und Anerkennen der eigenen und fremden Standpunkte, vor allem in einer interkulturellen Verständigung. Gerade die inhaltlichen Differenzen der scheinbar beliebigen Denk- oder Interpretationsmöglichkeiten sind es ja, die den Orientierungsbeitrag der Philosophie herausfordern. Um die unterschiedlichen Standpunkte im Umgang mit anderen, ganz fremden Menschen als mögliche Perspektiven überhaupt identifizieren, tolerieren, kritisieren oder akzeptieren zu können, benötigen Schüler von Anfang an Kenntnisse über inhaltliche Alternativen ihrer eigenen, oft selber unklaren Interpretationen. Gerade die Philosophie kann aus ihren reichhaltigen, vielfältigen historischen und transkulturellen Denkerfahrungen heraus in hervorragender Weise das notwendige Denk-Material zur Verfügung stellen.

Urteils-Bildung

Wie die eher formalen und verhaltensmäßigen Techniken sind aber auch die inhaltlichen Techniken einer "Materialkunde" nicht bloß äußerliches Mittel zum Zweck, das man erst lernen und dann jeweils einsetzen könnte. Vielmehr gehören, wie man auch sagen könnte, Methode, Haltung und Inhalt der Philosophieuntrennbar zusammen und müssen sich jeweils am konkreten Fall als Ausdruck einer freien, humanen Orientierung bewähren. Damit kommt ein vierter Aspekt von Philosophie als Kulturtechnik humaner Lebensgestaltung in das Blickfeld. Zwar hätten die Schüler zweifellos bereits dann eine gute Schulung ihrer Aufklärungsfähigkeit erhalten, wenn sie sich, wie hier nur angedeutet, methodisch, haltungsmäßig und inhaltlich zu ihren vorgegebenen Interpretationen reflexiv verhalten könnten. Damit wüssten sie aber immer noch nicht, wie sie sich bei der Fülle der interpretativen Orientierungsangebote entscheiden sollen. Sie könnten zwar eine Freiheit im Denken, aber nicht durch Denken praktizieren. Hinzukommen muss daher zur Philosophie als Methode, Haltung und Inhalt Philosophie als Urteilskraft im konkreten Fall. Mit ihr lässt sich zwar keine Sicherheit richtiger Entscheidungen, aber ein gewisses Fingerspitzengefühl situationsangemessenen, letztlich (aber nicht "erstlich") nie absolut eindeutigen, richtigen Verhaltens und Handelns erwerben.