6. Können und sollen bereits Kinder philosophieren?

Philosophieren mit Kindern - Zur Konzeption des Unterrichts von Ekkehard Martens Hamburg

Vierte These:
Kinder können und sollen philosophieren.

Argumente aus dem Faktum des Philosophierens?

Können und sollen aber, so schließlich zu meiner vierten These, bereits Kinder philosophieren?(5) Man könnte sich die Antwort leicht machen und auf die wohl jedem bekannten Erfahrungen mit den neugierigen, oft bohrenden Was-ist-das-und-Warum-Fragen der Kinder hinweisen, auf ihre Fähigkeit zu staunen und sich zu wundern. Man könnte auch die geglückten Schulversuche anführen, etwa die Erfahrungen der Reformpädagogik eines Herman Nohl in den zwanziger Jahren und eines Leonard Nelson in der Walkemühle, die durch den Nationalsozialismus abgewürgt wurden. Man könnte auch auf die Erfahrungen von Matthew Lipman und Gareth Matthews in den USA hinweisen, ebenso auf die - vor allem von ihnen inspirierten - Erfahrungen in zahlreichen Schulversuchen in aller Welt, in Europa und nicht zuletzt auch in Deutschland. Man könnte sich ferner auf die Autorität großer Philosophen berufen, vor allem auf Sokrates, Kant, Jaspers, Bloch und Adorno. Allerdings sind gegen die angeführten Fakten nicht nur die Gegenbeispiele missglückter Versuche anzuführen, sondern es ließe sich zunächst auch bestreiten, dass es sich dabei überhaupt um Philosophie handelt, und statt dessen behaupten, dass hier bestenfalls interessante Gespräche,schlimmstenfalls altkluges, naseweises Kindergeplapper vorlägen.

Einwände gegen das Faktum des Philosophierens?

In der Tat lassen sich gegen das behauptete Faktum und gegen die Forderung eines Philosophierens mit Kindern pädagogische, entwicklungspsychologische und philosophische Einwände erheben.

Pädagogische Einwände?

Dem pädagogischen Einwand aber, Philosophieren mit Kindern sei unnatürlich oder nicht kindgemäß und mache Kinder unfrei, liegt ein romantischer Begriff heiler, konflikt- und reflexionsfreier Kindheit zugrunde, der ebenso wenig einer empirischen Überprüfung standhält wie umgekehrt der zivilisationskritische Begriff einer total zerrissenen, konfliktbeladenen und dauerreflektierenden Kinderwelt. Die Kinderwelt ist vielmehr beides, heil und zerrissen, naiv und reflexiv.

Entwicklungspsychologische Einwände?

Auch die entwicklungspsychologische Unterstellung, dass Kinder noch nicht philosophieren können, ist in ihrer Absolutheit und Undifferenziertheit nicht haltbar. Selbst nach den Untersuchungen von Piaget und Kohlberg spräche nichts dagegen, dass zumindest Kinder ab zehn Jahren zu formalem, abstraktem Denken und zu einem Perspektivwechsel fähig sind.

Philosophische Einwände?

Das eher bildhafte, konkrete Denken von jüngeren Kindern schließlich ist durchaus auch philosophisch, wenn man sich jedenfalls an Cassirers und Langers Symboltheorie oder am "aisthetischen Denken" (Welsch) orientiert. Ein Begriff von Philosophie als "Begabung" ferner verkennt die Tatsache, dass philosophische Techniken genauso erlernbar und einübbar sind wie Lese-, Schreib- und Rechentechniken, und dass in beiden Fällen genauso viel oder genauso wenig Begabung und Fleiß dazugehört wie bei Sport und Musik. Dass dabei immer ein Rest intuitiver, nicht auf direktem Wege vermittelbarer Fähigkeiten übrig bleibt, ist ebenfalls richtig, kann aber nicht als Argument gegen jedes Lehren und Lernen von Philosophie, Sport oder Musik verwendet werden. Selbst Lesen, Schreiben und Rechnen sind keine Techniken im engeren Sinne, sondern Kunstfertigkeiten und auf Kreativität und Intuition angewiesen. Niemand käme ernsthaft auf die Idee, sie deshalb als Fächer aus der Schule zu verbannen. Und was schließlich die vielfach behauptete Schwierigkeit der Philosophie angeht, gibt es, wie bei der Mathematik oder anderen Fächern, auch bei ihr "philosophische Anfangsschritte mit Kindern".

Anmerkungen

5. Vgl. Verf., Sich im Denken orientieren. Philosophische Anfangsschritte mit Kindern. Hanover1990 (vergriffen); Stephan Englhart, Modelle und Perspektiven der Kinderphilosophie. Heinsberg 1997 (Dieck Verlag; eine Übersicht über verschiedene Ansätze, u.a. Brüning, Camhy, Freese, Horster, Lipman, Matthews, Reed, Schreier etc.).