Manche Menschen denken ja, Widerstand sei immer eine ganz furchtbar ernste Sache gewesen

Rudi hat die Konsequenz gezogen und hat völlig neu begonnen mit der antifaschistischen Jugendarbeit, indem er nicht mehr erwartet hat, daß Menschen, die mit ihm zusammenarbeiten, Kommunisten werden.

Hamburg Geschichte Widerstand

Das ging so weit, dass unsere Gruppe bezeichnenderweise nicht mehr 'Kommunistischer Jugendverband' hieß, sondern sich 'revolutionärer Jugendverband' genannt hat. Es waren in unserer Gruppe sehr viele Nichtkommunisten, junge Sozialdemokraten, auch junge Juden, wie ich selbst einer bin....jetzt nicht mehr jung. Es waren Christen dabei und auch Bündische Jugend. Dadurch hatte diese Gruppe einen anderen Charakter.

Ich habe Rudolf Mokry näher kennengelernt auf einer gemeinsamen Fahrt in die Heide nach Weihe bei Jesteburg. Dort haben wir zum ersten Mal diese Dreiergruppen versucht - das war 'ne ganz riskante Sache. Man konnte ja nur existieren verborgen in Wohnungen, getrennt, sich gar nicht untereinander kennend; alles, um sich vor Verhaftungen zu schützen. Wir hatten riskiert, mit 50 Leuten zusammen in die Heide zu fahren. Das gelang nur, weil die Bauern, die dort lebten, ebenfalls Nazigegner waren. Wir waren also im Verborgenen. Da lernt man sich ja kennen, nicht nur politisch, da lebt man ja miteinander. Nachtfahrten wurden unternommen, gemeinsam gesungen, das war 'ne ganz fröhliche Angelegenheit. Manche Menschen denken ja, Widerstand sei immer eine ganz furchtbar ernste Sache gewesen.

Es war lebendig und das war Rudis Verdienst. Er war viel älter - ich war damals gerade 20 - und es gab noch jüngere bei uns. Er muss um die 30 Jahre alt gewesen sein. Rudi hat es verstanden, mit uns wie ein Jugendleiter umzugehen. Ich will mal ein Beispiel nennen: Auf der Fahrt sagte er zu mir, dass ich noch sportlicher werden müsse. Er selbst war ja ein großer Sportler, war Ringer und Jiu-Jitsu-Kämpfer. Dann hat er versucht, mit mir so eine Übung zu machen, bei der man sich gegenseitig an den Schultern hochwippt. Ich bin mit einem dollen Muskelkater nach Hause gekommen, das erinnere ich noch genau. Ich war ja nun kein Hüne, bin auch nie einer geworden. Rudi hatte sich wahrscheinlich gedacht: Der hat vielleicht noch einiges durchzustehen und da wollen wir ihm mal ein bisschen helfen, damit er dem auch körperlich gewachsen ist...Diese Fahrt in die Heide muss im Frühsommer 1935 gewesen sein."

Dort, in der Lüneburger Heide, wurde der Entschluss gefasst, durch Schulungstreffen den Aufbau einer illegalen Jugendorganisation voranzutreiben. In verschiedenen Privatwohnungen wurden marxistische Schriften wie das "Kommunistische Manifest", Lenins "Staat und Revolution" und Stalins "Fragen des Leninismus" durchgearbeitet und diskutiert. Vorträge von Rudolf Mokry ergänzten die Abende. Im September 1935 wurde Mokry von der GeStaPo verhaftet...

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