Konzentrationslager Fuhlsbüttel

"Die zweite Erinnerung ist schon sehr viel später und sehr viel unangenehmer. Eines Tages hörten wir, daß unser Rudi verhaftet worden war.

Hamburg Geschichte Konzentrationslager Fuhlsbüttel

Es war wohl nicht seine erste Verhaftung, von der ich jetzt spreche. Wir waren getrennt von ihm und hörten, er sei im Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Wir haben uns nicht gesehen, nichts voneinander gehört. Es vergingen Monate und dann wurde auch ich verhaftet. Diese Verhaftung hatte jedoch nicht das Geringste mit seiner zu tun. Es war ja so, dass diejenigen, die im Widerstand waren, seit 1933 immer damit rechnen mussten, dass irgendeine von den Aktionen - auch wenn sie schon länger zurücklagen - nachträglich platzte. Rudolf Mokry war verhaftet worden in einer Sache, die mit unserer Gruppe nichts zu tun hatte, und war nicht mehr herausgekommen. Nun wurden wir verhaftet und es verging ungefähr ein halbes Jahr, bis auch ich an die Reihe kam. Wir hatten keine Denunzianten bei uns, obwohl die GeStaPo hart daran gearbeitet hat, etwas aus den Menschen herauszubekommen.

Einmal in der Woche wurden die Gefangenen unter die Dusche geschickt. Ich kam ins Bad und wer hatte die ganze Badesache unter sich als Kalfaktor? Unser Rudi! Da sahen wir uns zum ersten Mal wieder. Können sie sich die Blicke vorstellen, die man dann tauscht, wenn man sich so wiedersieht? Rudi brauchte gar nicht sehr deutlich den Mund zusammenzupressen, um zu zeigen, dass man sich nicht kennen durfte. So haben wir uns eine ganze Reihe von Wochen wiedergesehen, immer im Bad, und die GeStaPo hatte keine Ahnung, dass wir mit ihm zusammenhingen. Das kam erst sehr viel später heraus. Das war auch so ein Moment, den ich schildern möchte, der für mich sehr ergreifend war, wo Rudi dieser tapfere, selbstbewusste und niemals nachgebende Freund und Antifaschist war.

Ich möchte beschreiben, wie er sich mir gegenüber als Zeuge vor Gericht verhalten hat. Etwa 100 Leute waren wir in der antifaschistischen Gruppe; 50 von uns sind verhaftet und auch verurteilt worden. Im Frühjahr 1937 erschien Rudolf Mokry in seiner KZ-Uniform vor Gericht. Die große Zahl der Angeklagten war in mehrere Gruppen eingeteilt worden. Als Rudi in seiner Kluft als Zeuge vorgeführt wurde, erinnere ich mich genau, wie er dort auftrat und wie er sich über mich äußerte. Das war etwa in dem Stil: 'Dieser junge Spund, nun gucken sie sich den doch mal an! Das ist der typische Abenteurer, lässt sich von anderen mitreißen...' Ganz bestimmt hat Rudi Mokry so mit dazu beigetragen, dass ich so glimpflich davon kam. Er hat alles auf sich genommen. So ein Mensch war Rudolf Mokry. Weil er sich für mich eingesetzt hat, habe ich 'nur' zwei Jahre und sieben Monate Gefängnis bekommen. Wenn es nur ein Jahr mehr gewesen wäre, wäre ich wohl in Auschwitz gelandet."

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