"Ein Nachmittag in Sachsenhausen"

Es hat mich natürlich unheimlich getroffen, als ich hörte, daß Rudi Mokry nicht überlebt hat. Ich bin schon 1946 - auf Bitten überlebender Freunde - mit meiner Familie aus der Emigration zurückgekehrt.

Hamburg Geschichte Sachsenhausen

Dann erfuhr ich vom Tod von Rudi und durch einen Zeitungsartikel auch, wie er umgekommen ist. Der Artikel wurde veröffentlicht am 7.4.1978 in der damaligen Zeitung der VVN, 'Die Tat'. Oskar Salberg beschrieb in 'Ein Nachmittag in Sachsenhausen' die letzten Stunden eines Teils der Untergrundbewegung im KZ Sachsenhausen, der illegalen antifaschistischen Leitung, in der wiederum Rudi eine ganz entscheidende Rolle gespielt hat.:

'Wenn wir einen Plan der SS entdeckt hatten, versuchten wir sofort, Maßnahmen einzuleiten. Am 11. Oktober 1944 wurden auf einmal Handschellen und Ketten vor der Schreibstube abgeladen und siebenundzwanzig Häftlinge aus dem Block 58 herausgeholt; davon waren, glaube ich, dreiundzwanzig Deutsche, insbesondere die leitenden, verantwortlichen Genossen wie Ernst Schneller, Mathias Thesen, auch vom Revier der Lagerälteste, Heinz Bartsch, und andere. Es ging wie ein Lauffeuer rund: Man muss auf das Äußerste gefasst sein. Und als es hieß: "Mokry, fertig machen! Nach vorn!" haben wir festgelegt, offensiv: Mokry nimmt die Häftlingsnummer von der Hose in die Hand, und wenn Schluss ist, Schluss sein sollte, schmeißt er sie weg.

Die siebenundzwanzig wurden gefesselt und abends nach dem Appell mit dem Auto aus dem Lager gebracht. Uns sagte man: Die sind auf Transport gegangen. Aber an der Autogarage am Krematorium hat die SS sie zusammengeschossen, wir haben am nächsten Tag Mokrys Nummer gefunden. Die SS, dieses feige, hinterhältige, brutale Mördergesindel, hat die siebenundzwanzig selbst verbrannt in der Nacht, um alles zu vertuschen. Wir wussten Bescheid, Mokry hat uns die Information gegeben, das war konspirative Arbeit, Kollektivität. Wir wussten, die sind dort hinten liquidiert worden, das hat geschockt, aber dadurch wurde nichts wirklich zum Stoppen gebracht. Sie haben uns Schaden zugefügt, aber die Partei konnten sie nicht zerschlagen.'

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