Begegnung mit den KZ Häftlingen

Andere kehrten in die Heimatstadt zurück und wurden hier unverhofft von der Realität eingeholt.

Hamburg Geschichte NS Häftlinge

Willy Dwinger erkannte bei der Rückkehr vom ersten oder zweiten Heimaturlaub auf der Mönckebergstraße in einem K7-Häftling des KZ Neuengamme seinen alten Kumpel Erich Popp, wie er vor dem Klöpperhaus mit einem Häftlingskommando die Straße neu pflasterte. Erich Popp war sein Nachbar aus dem Nebenhaus Olivaer Straße 8. ("Er wollte kein Soldat werden, weil sein älterer Bruder sofort im Polen-Feldzug gefallen war. Deshalb hat er bei der Musterung immer vorher eine Kugel Stanniolpapier verschluckt und auf Magengeschwür gemacht").

Andere NS-Opfer arbeiteten im gleichen Betrieb wie die Zeitzeugen. August Bode, dienstverpflichtet zu den Deutschen Erdölwerken in Hamburg-Wilhelmsburg, begegnete hier außer weiblichen KZ-Insassen, Frauen und Mädchen aus der Tschechoslowakei, auch kriegsgefangenen Russen und Deutschen aus dem Arbeitserziehungslager "Langer Morgen", die dort wegen angeblicher Arbeitsscheu "umerzogen" wurden. "Die gingen bei Luftangriffen in die Gräben hinein, mußten draußen bleiben und durften nicht in den Bunker Dort sind auch einige Russen umgekommen bei den Fliegerangriffen."

Die gleichen Zwangsarbeitergruppen und zusätzlich männliche KZ-Insassen waren auch bei seiner ursprünglichen Arbeitsstelle bei Euro-Tank, Finkenwerder, beschäftigt. "Grauenvoll war, daß sich die KZ-Häftlinge abends, bevor sie auf Schuten ins Lager zurückgefahren wurden, bei uns Zementtüten geholt haben und sie sich um den Leib gewickelt haben, um es ein bißchen warm zu haben."

Begegnungen gab es auch auf dem S-Bahnhof ...

"Vom Dezember 1943 bis März 1944 hielt ich mich auf Grund meiner Kriegsverletzung in Hamburg auf und wurde ambulant im Lazarett Wandsbek-Gartenstadt behandelt. Da ich zu Hause wohnte und lebte, fuhr ich morgens mit der S-Bahn manchmal in die Stadt. Am Friedrichsberger Bahnhof, wenn der Zug ankam von Poppenbüttel, sah ich diese jüdischen Frauen und Mädchen aussteigen, sehr ärmlich gekleidet teilweise in Lumpen. Wenn sie sich so sammelten, dann fingen sie an zu reden, und ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, daß die Bewachung, welche aus SS-Frauen bestand, nur den Zeigefinger senkrecht an den Mund führte und es war Totenstille auf dem Friedrichsberger Bahnhof. Sie wurden in Kolonne die Bahnsteigtreppe runtergeführt und gingen in Richtung Walddörferstraße zum Steineklopfen. Das habe ich mehrmals gesehen."

Die unerwartete Gegenüberstellung mit der Wirklichkeit der Opfer machte manche zunächst fassungslos. ("Natürlich hat man versucht, schnell wegzugucken, aber man konnte nicht, man war wie erstarrt.")

Andere empfanden jähen Zorn. Insbesondere jene, die in den Anfangsjahren den Nationalsozialisten Widerstand entgegengesetzt hatten, trugen schwer daran, ohnmächtig bei Willkürakten gegen Opfer zusehen zu müssen. "Einmal wurde ich beinahe verhaftet. Der Kapo-Mann ging die Reihe der Häftlinge runter und haute einfach einem in die Fresse, ohne daß der etwas gemacht hätte. Hierüber war ich so aufgeregt, daß ich diesem Kapo beinahe selbst zu Leibe gegangen wäre. Als ich mich über die Behandlung beschwerte, sagte einer von der Wachmannschaft: "Halt du deinen Mund, sonst stehst du morgen auch in der Reihe!...."

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