Alltagsmut

In den letzten zwei Jahren vor dem 2. Weltkrieg brachen die meisten Auslandskontakte ab und in den ersten Kriegsjahren führten die Erfolgssondermeldungen der deutschen Wehrmacht zu einer weiteren Stärkung des Regimes, was Widerstandsarbeit immer schwieriger machte.

Hamburg Geschichte NS

Aktiver Widerstand als Gruppe wurde in dieser Zeit fast nur noch von den Kommunisten (vgl. Lebenslauf Walter Beyer) geleistet. Dies bedeutete aber keineswegs, dass passiver Widerstand, Kontakte unter oppositionellen Gleichgesinnten und Akte der Selbstbehauptung zum Erliegen kamen. Manche Frau und mancher Mann, die es nicht von sich erwartet hatten, wuchsen in der Situation.

"Mein Mann wurde im Januar 1940 eingezogen. Einen Tag später kam der Ortsgruppenleiter. "Ich brauche ein Schaufenster von Ihnen für Partei-Reklame." Ich sage, "wieso sind Sie gestern nicht gekommen? Da war mein Mann noch hier. Da hätten Sie doch meinen Mann fragen können." "Weiß ich nichts von." Ich sage: "Sie wollen mir doch jetzt nichts erzählen, Sie haben nichts davon gewusst. Kommen Sie heute meinen Sie, Sie können mit mir machen was Sie wollen." Da bin ich so frech geworden. Was ich sonst nicht konnte, aber da konnte ich es. Ich sagte: "Die Fenster sind für meine Kunden da und dass ich Ware ausstelle und nicht für Reklame."

Dies gilt auch für Handlungen der Hilfeleistung und der Solidarität für die Opfer des NS-Regimes. ("..hatte ich einem kleinen Mädchen, das mit seiner Mutter da war, nachmittags immer ein Stück Brot gegeben." )

"Insbesondere nach den Bombenangriffen auf die Ölwerke (Wilhelmsburg) wurden die weiblichen KZ-Insassen dort eingesetzt. Sie mussten die durch Wasser entstandenen Überschwemmungen beseitigen, indem sie das Wasser eimerweise raustrugen. Da war der Strom ausgefallen und ich musste als Elektriker dahin und den Strom in Ordnung bringen. Und ich habe mit den Frauen dort gesprochen und gesagt: "Na, ihr mögt doch gerne auch ein bißchen in Ruhe hier arbeiten, nicht?" Ich habe das dann hinausgezögert, ehe das Licht wieder in Ordnung war, hat wohl ´ne Stunde gedauert... Selbstverständlich war das Sabotage. Die haben sich natürlich riesig gefreut, dass sie nicht gleich wieder arbeiten mussten."

Immer waren sie mit der Umgehung von Gesetzen und dem Verstoß gegen Vorschriften verbunden, oft mit hohem Risiko.

Bereits unter dem Diktat der sich nach dem Judenpogrom von 1938 monatlich verschärfenden Bestimmungen, die den Lebensnerv der jüdischen Mitbürger abschnitten, versuchte in der Haderslebener Straße (l. Eingang) eine jüdische Frau mit Tochter zu überleben. Die Tochter ernährte mangels anderer Möglichkeiten die Familie mit selbstgefertigten Handarbeiten. Abends in der Dunkelheit schlüpfte sie aus dem Haus und ging zum Textilgeschäft Holtz, Alter Teichweg 109. Auf ein besonders vereinbartes Klopfzeichen hin wurde ihr aufgemacht und die Frau des Ladeninhabers verkaufte ihr, was verboten war, die dringend benötigte Wolle für die Handarbeiten."

Man mag die Handlungen klein nennen. Es gab sie - auf dem Dulsberg. Ein Stück Brot täglich, ein Elektriker, der den Strom für eine Stunde nicht anschaltet, eine Ladeninhaberin, die ein paar Wollknäuel verbotenerweise verkauft, letztlich besteht aus solchen Handlungen im Ernstfall Humanität, wenn sie am rechten Ort und zu rechter Zeit geschehen.

Es darf weiter gefragt werden, denn sicher sind uns nicht alle bekannt geworden: Die unbekannten Zeugnisse von Widerstand, Zivilcourage und Mut, Hilfe und Solidarität. Beispiele vom Dulsberg. Manchmal von Leuten, von denen es niemand dachte.


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